Rettung und Aufzucht einer Drossel

Immer wieder im Frühjahr kommt es dazu, dass Vögel aus dem Nest fallen und verenden. Der naturaffine Mensch weiß, dass man den vermeintlich zum Tode verurteilten Vogel mindestens 1-2 Stunden von der Ferne beobachten sollte, bevor man einschreitet. Meist ist es so, dass die Eltern die Jungtiere weiter füttern und ihr Überleben sichern. Auch muss man unterscheiden, ob es sich bereits um Ästlinge handelt. Also voll befiederte Jungvögel, die das Nest schon verlassen haben, aber trotzdem noch einige Zeit weiter gefüttert werden. Der NABU hat dazu auch einige Orientierungshilfen, die ihr hier finden könnt.

Leider war dies bei unserer kleinen Drossel nicht der Fall. Völlig hilflos und alleine streckte er uns den offenen Schnabel aus der Wiese entgegen. Federn hatte er auch nur minimal. Nachdem wir das Ganze eine lange Zeit von der Ferne beobachteten, entschieden wir, den Kleinen mitzunehmen. Man hätte ihn auch noch ins Nest zurücklegen können, da Vögel aufgrund ihres wenig ausgeprägten Geruchssinns die Jungen meist wieder annehmen, aber leider konnten wir es nirgendwo ausfindig machen.

Nun standen wir also mit einem ca. 5 Tage alten Vogelbaby in der Hand da, die nächste Wildtierhilfe zwei Autostunden entfernt, und waren zunächst ratlos. Gerne wollte ich ihn in professionelle Hände geben, was aber aus verschiedenen Gründen nicht möglich war. Was galt es also zu tun? PC gestartet, Dr. Google gefragt und tatsächlich stießen wir auf eine höchst informative und hilfreiche Seite. Nämlich die Seite der Wildvogelhilfe.

Nachdem er die erste Nacht im Karton überlebt hatte, kauften wir kurzerhand die Utensilien, die der Kleine brauchte – einen Vogelkäfig, ein Vitaminpräparat und diverse Maden und Mehlwürmer. Ab jetzt hieß es jeden Tag 05:15 Uhr aufstehen, denn mit der Morgendämmerung war auch „Schlundi“, wie wir ihn aufgrund seines weit aufgerissenen Schnabels tauften, wach. Außerdem hieß es so ziemlich stündlich: Füttern!

Das Dilemma zwischen Vogel füttern und arbeiten gehen löste ich, indem ich ihn einfach mit auf Arbeit nahm und die erste Woche neben meinem Schreibtisch platzierte (Glück denjenigen, mit Einzelbüros). Die zweite Woche konnte er dann schon den Kindergarten bei seiner Oma (Glück auch noch denjenigen, die gute Schwiegermütter haben) besuchen. So brachten wir ihn jeden Morgen dort hin und holten ihn jeden Abend wieder ab.

Es ist ziemlich beeindruckend, einem kleinen Lebewesen beim Start ins Leben zu verhelfen und zu sehen, wie es jeden Tag mehr lernt, wächst und gedeiht.  Bereits in den ersten Tagen putzte er eigenständig sein Gefieder. Ab der zweiten Woche konnte er von einen Tag auf den anderen plötzlich picken und selbst Futter aufnehmen. Kurze Flugstrecken waren, wenn auch unkoordiniert, ebenfalls möglich. Seit der dritten Woche war Baden in einem Suppenteller seine Lieblingsbeschäftigung.

Dann kam der Tag des Abschiedes.

Am Morgen fütterten wir ihn schön satt, stellten den Käfig auf eine erhöhte Stelle im Garten und warteten ab. Zunächst etwas unsicher, doch dann ziemlich aufgeregt verlies er seine sichere Behausung und folgte dem Ruf der weiten Welt und dem Lauf des Lebens. Den restlichen Tag konnten wir ihn noch in einer kleinen Baumgruppe neben dem Grundstück beobachten. Er kam sogar einmal zurück, setzte sich auf meinen Arm und wir hatten das Gefühl, als ob er „Danke“ sagen wollte. Ob er nun nochmal wiederkommt? Wer weiß.

Viel wichtiger ist die Gewissheit, einem hilflosen Tier das Leben ermöglicht zu haben. Dieses unbeschreiblich erhabene und befriedigende Gefühl, etwas Gutes getan zu haben. Stimmen, die meinen, es sei eben „in der Natur so vorgesehen“, dass nicht alle Tiere überleben, der hat sicher irgendwo recht. Allerdings war in der Natur nie vorgesehen, dass der Mensch kommt und so viel Leid und Elend über diese wunderbare Welt, ihre Wälder, Pflanzen, Tiere und sich selbst bringt. In Anbetracht dieser Tatsache denke ich, sollten wir alle unseren Teil zur Widergutmachung und Verbesserung beitragen – und sei er noch so klein.

Hier findet ihr die Geschichte in ein paar Bildern.

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